Karminrot

Rot ist eine martialische Farbe. Eine teuflische Mischung aus Gewalt und Leidenschaft, an der wir uns nur allzu sehr ergötzen. Wie nah beide zusammenliegen zeigt die Angst vieler Mädchen, ihr Lippenstift könnte tatsächlich „Läuseblut“ enthalten. Tatsächlich ist das Karminrot (#960018) noch heute einige der wenigen Farben, die tierischen Urprung hat. Man gewinnt es aus Cochenille- oder Kermesschildläusen, die getrocknet und dann mit Schwefelsäure ausgekocht werden. Für ein Kilogramm Farbe sterben 100 000 Läuse. Schon lange ist diese Farbe und ihre Herstellung bekannt, doch nach der Entdeckung Amerikas erlebt sie einen regelrechten Boom. Die Azteken wurden gewaltsam unterworfen, die amerikanische Cochenillelaus wurde herrenlos und nach Europa gebracht, wo sie in riesigen Farmen zum Beispiel auf den Kanaren angebaut wurde. Neben Gold und Silber entwickelten sich diese Läuse zu einem der wichtigsten Exportprodukte Spaniens. Ein Land erobert die Welt und macht sie bunter (und monochromer in einem anderen Sinn). So erzählt das Karminrot nicht nur von blutigem Lippenstift, sondern auch von einer neuen Zeit, in der das Purpur abgelöst wird durch das Karmin. Und es erzählt von einer alten Kultur und ihrer blutigen Zerschlagung.