Tangerine Tango

Z eit, mal wieder einen Blick auf die zeitlose Mode des Trends zu werfen. Almanach der Farben proudly presents the Pantone Color of the Year 2012: Tangeringe Tango (Pantone 17-1463, #E1523D). Der energy boost we need to recharge and move forward
(Presseerklärung Pantone). Die Farbe zum Erdbeerlabello, süß aussehen und pappig schmecken. Und scheinbar auch der Farbtrend dieses Jahres. Da fragt man sich schon, was wir vom kommenden Jahr so zu erwarten haben. Nix da Probleme, die trendigen Augen von heute wachen unter einer Tangerine Tango Schlafmaske auf, gönnen sich dann noch ein energy boost-Nickerchen. Man träumt von Abenteuern, die wir uns mal – farblich passen – a bit exotic, but in a very friendly, non-threatening way (Presseerklärung Pantone), vorstellen wollen. Ja, wenn ihr es den Weltverbesserern mal wirklich zurückzahlen wollt, steckt sie in die Tangeringe Tango-Gummizelle. 2012 besinnen wir uns auf die traditionellen Werte und Triebe, denn worum gehts denn hier sonst? In Zeiten einer mehr oder weniger zahnlosen, weil mehr ersehnt als wirklich zu 99 percent angekommenen Protestbewegung, paaren wir mal 68er-free-love-Fantasien mit der neoliberalen Tapete eines Stundenhotels. Ab in die rosa-orangenen Federn, 2012 wird das Jahr des absolut unpolitischen bed-in.

Siehe auch : Trendtürkis, Reinorange

Neongelb

M itte der Achtziger kam das Blubbern, das Rauschen, 120 BPM aus dem Drumcomputer. Acid zwitscherte sich fröhlich in die Welt. Aus den USA über die Piratensender nach Europa. In englischen Fitnessstudio The Shoom haute man sich nicht nur Steroide rein, sondern pimpte auch die Sympbolkraft des Acid mit „J“ dem Smiley. So kam Acid zu seinem Gesicht und auch zu seiner Farbe: Neongelb (#D0FF00). Zum Kotzen dramatisch und sci-fi und radioaktiv. Neue Welt! Färbt den Himmel um, verlegt Neonröhren durch die ganze Stadt bis sie strahlt. Schnell ging es dann aber zu Ende mit der Euphorie, doch es soll Menschen geben, die damals auf ihrem LSD-Trip hängenblieben, kaleidoskopisch Smileys fabulierten und heute in abgelegegenen US-Psychiatrien ihr Dasein fristen. Der Kopf wippt 120 mal in der Minute, umgeben von Pflegern mit Smileymasken (oder -köpfen, wer weiß?). Von den Wänden prasselt die Welt neongelb herab.

Halayà úbe

H eute wollen wir einmal einer Farbe zu größerer Beliebtheit verhelfen, die es verdient, weil sie es aus philippinischen Lebensmittelläden bis in die hohen Hallen von Wikipedia geschafft hat: Halayà úbe (#663854). Es ist die Farbe einer philippinischen Marmelade oder Nachspeise, bei der violette Yamswurzel mit Kokos, Milch und Zucker eingekocht wird. Wer genau Halayà úbe in unser alltägliches Farbempfinden einführen will oder ob es sich auf den Philippinen möglicherweise um eine Art Grundfarbton handelt, verrät sie uns nicht. Trotzdem: Auf der Suche nach Halayà úbes Ursprung in der Wikipedia Versionsgeschichte stößt man dann auf jede Menge illustre Netzgestalten. Wie wäre es mit Benutzer 121.54.32.134. Normalerweise eher auf Musikseiten, gestaltet normalerweise Artikel über Songs von Björk, aber unsere Farbe scheint es ihm auch angetan zu haben. Oder man lernt Benutzer 71.22.122.12 kennen, der die trockene Wikipedia-Enzyklopädie freigeistig um Farben wie Rich Baby Blue, Rose Bonbon oder die anscheinend fantastische Farbe Awesome bereichert. Farbenfreiheit für Wikipedia! Wahrscheinlich könnte man sich ewig beschäftigen mit Halayà úbe und wie es in die Welt kam, aber verlieren wir uns jetzt nicht in diesem tiefen, lila Abgrund.

Blaugrau

M an sollte in den Himmel schauen, in diesen Nächten. Wenn der Schweif des Kometen 109P/Swift-Tuttle auf seiner verlorenen Bahn für einen Moment an der Erde vorbeirauscht, hinterlässt er uns ein paar Sternschnuppen. Spurenelemente an Licht für andere Zeiten. Doch Wolken verdecken die Sicht und – ich weiß nicht, ob die Farbe wirklich stimmt, aber zumindest fühlt sie sich passend an – Blaugrau (RAL 7031, #5D6970) ist die Farbe der Entwünschten. Ein bisschen Fernblau, ein bisschen Vergangenheit, ein bisschen Beton.

Das Weiß des Wals

E s waren jene Männer, die das Schicksal in die Wasserwüsten der Ozeane schleuderte, die hinausfuhren und sich in den Kampf mit dem Tier stürzten, die daheim als harte Kerle gelten sollten. Diese Männer konfrontierte Herman Melville mit einem Weiß, das sie ihn den Wahnsinn zerren sollte. Der Farbe des Albinowals Moby Dick (#E2E4D0) widmet er in seinem Roman ein volles Kapitel. Er schreibt von Eisbären und dem Weißen Hai:

Was, wenn nicht ihr glattes, flockiges Weiß macht sie so maßlos grauenvoll? Das gräßliche Weiß ist es, das ihrem stumm grinsenden Gesicht eine so widerwärtige Sanftheit verleiht (…).

Beim Gedanken an den Weißen Wal verlieren die Seeleute die Orientierung und letztlich auch den Verstand. Die Unbegreiflichkeit der Macht über das Lebe Auf sich allein gestellt irgendwo auf dem farbenprächtigen Meer blicken sie in einen weißen Abgrund. Doch ist das Weiß der eigentliche Ursprung aller Farben (Newtons Farbenlehre) oder deren Abwesenheit (Goethes Farbenlehre)? Gibt es die Farben, die uns die Welt erschließen überhaupt oder rennen wir nur einer Illusion hinterher? „Wer hat hier eigentlich die Zügel in der Hand?“, ist man versucht in den Äther zu rufen. „Oder rast das Bronco unserer Welt nur so durch die offene Prärie?“

Wenn wir das alles erwägen, so liegt das gichtbrüchige Universum vor uns wie ein Aussätziger, und wie ein mutwilliger Reisender in Lappland, der sich weigert, farbige und färbende Augengläser zu tragen, so starrt sich der elendige Ungläubige blind, da er den Blick nicht vom endlos weißen Leichentuch wenden kann, das alles, was er ringsum sieht, verhüllt.

Das Weiß des Wals ist die widerwärtige Sanftheit mit der sich der Sinn seinen Suchern entzieht.

True Red

Wahres Rot ist blutrot, heroisch, patriotisch. Wer erwartet hätte, dass die USA die grausamen und traumatischen Anschläge des 11. September 2001 mit gedeckten, trauernden Farben oder gar mit einem militaristisch angehauchten Olivton verarbeiten würden, der irrt. Die Farbe ist viel bissiger: „True Red“ (Pantone 19-1664, #BC243C), Pantone Color of the Year 2002, erinnert nicht nur an das Rot der amerikanischen Flagge, sondern vielmehr an uralte Mythen der Gewalt. Der Mann der Blut vergießt und sich der Leidenschaft des Kampfes hingibt. Einer seiner, wenn auch nicht amerikanischer, Archetypen ist Siegfried (hier: Sigurd), der Drachentöter:

Regin, der an den Königshof von Dänemark geflohen war, reizte nun seinen Zögling Sigurd zum Kampf mit dem Drachen. Sigurd verlangte von ihm ein Schwert, und Regin schmiedete eines. Das zerschlug aber der junge Held auf dem Amboss und ebenso ein zweites. Da liess er sich von seiner Mutter die Stücke des Schwertes Gram (Zorn) geben, das Odin einst seinem Vater Siegmund verliehen hatte; daraus schmiedete ihm Regin ein neues Schwert, dessen Schneiden wie Feuer flammten. Sigurd hielt es ins fliessende Wasser, und es zerschnitt eine dagegen schwimmende Wollflocke; dass ging er in die Schmiede und zerspaltete damit den Amboss bis auf den Grund, ohne dass es schartig wurde. Mit diesem Schwert stellte sich Sigurd in eine Grube auf dem Wege, wo der Drache zum Wasser zu kriechen pflegte, und durchstach ihn von unten. Sterbend krümmte sich Fafnir und sprach: Das klingende Gold, des glutrote Gut, dir werden die Ringe zum Mörder. – nun kam Regin herzu, schnitt dem Drachen das Herz aus und trank von seinem Blut. Dann sprach er zu Sigurd: Ich will schlafen gehen; halte du Fafnirs Herz ans Feuer; ich will es zu essen haben nach diesem Trunk.

Rache ist eben nicht nur süß, sondern auch blutrot. Die uralten Mythen vom Gut und Böse, von Heldenhaftigkeit, sind es, die noch heute Gewalt und Krieg rechtfertigen. Und es ist schon bedenklich, wenn der Drachentöter heute am Knopf einer Fernlenkwaffe sitzt. True Red ist mythologisch und nicht einfach nur patriotisch zu sehen.

Fast noch blutiger in der Farbe: Karminrot

Fernblau

M an ist am Ende eines Weges angelangt, der wohl nirgendwohin geführt hat. Da steht man sich nun die Füße in den Bauch in der großen Ebene vergeblicher Träumereien und die Luft atmet sich schwer vor Zukunft. Alles, was kommt, ist fernblau (RAL 5032, #4D668E). Das gibt keine Sicherheit, sondern höchstens wabernde Ahnungen. Im Ohr hat man Tom Waits, springt auf Gedanken auf wie ein Hobo und durchspielt Möglichkeit um Möglichkeit. Forgive me pretty baby but I always take the long way home.

Resedagrün

R esedagrün (RAL 6011, #68825B), ein Farbton am Rande der Auffälligkeit. Changiert wohl irgendwo zwischen Olivtönen, Kaltem Krieg und dem Farbton eines waldigen Naturschutzgebietes. Vielleicht ein bisschen Gras am Ende des Winters, wenn man noch nicht so recht weiß, wann der Frühling nun beginnt. Doch genutzt wird sie vor allem als Maschinenanstrich. Dorthin verbannt wurde sie auf hochoffiziellem Weg: nach DIN 1844 wird nun Resedagrün benutzt. Sind die Resedagewächse, die der Farbe ihren Namen liehen, wohlriechend und duftend, verbindet man mit ihrer Farbe vor allem Maschinenfett. Resedagrün, das ist ein Farbton, der industrieller und – ein Blog sollte das erwähnen – analoger wohl nicht sein könnte. Er erinnert an Gewinde, Getriebe, Ottomotoren und Kugellager: Dinge, die dafür gebaut sind zu funktionieren. Am Boden geblieben sozusagen. Vielleicht war es ja gar keine Verbannung, die Norm unserem Grün da beschert hat, vielleicht war es ja einfach ein Schutzraum. Ein Reservat inmitten des Fortschritts, in dem der Fortschritt selbst schon Geschichte ist.

Horrortürkis

E s waren die Tage zwischen dem 1. und 12. Juli 1916, in denen das Türkis seine Farbe veränderte. An der Küste New Jerseys kommt es zu fünf Haiattacken innerhalb kürzester Zeit, vier verlaufen tödlich. Woher sie kommen, die dreieckigen Flossen, die das Wasser durchschneiden – das bleibt unklar. Der amerikanischen Welt stockte der Atem, der Hai hatte Moby Dick, den Wal, als furchteinflößenstes Seeungeheuer abgelöst. Knapp 60 Jahre später kam Spielbergs „Jaws“ (dt. „Der Weiße Hai“) in die Kinos und verarbeiteten die Ereignisse in New Jersey zu einem massenwirksamen Angsterlebnis. Und Türkis (#B3E9E0), das wurde die Farbe der Angst. Kontrastiert vom blutroten „Jaws“ auf dem Filmplakat schießt ein Hai auf den erst nichts ahnenden dann panischen Schwimmer zu. Im scheinbar harmlos türkisen Wasser. Von wegen Babyblau: Türkis hat seine Unschuld verloren. Im rechten Licht betrachtet hat es ja auch etwas unheilvoll drohendes, etwas verschlagenes. Kaum jemand, der ins warme Wasser der Karibik oder Südsee steigt und dem dabei nicht ein kurzer Schauer der Angst über den Rücken läuft. Nicht dass ein Hai tatsächlich in Sicht wäre, nein: das macht die Farbe des Wassers.

Siehe auch: Trendtürkis

Reinorange

R einorange (RAL 2004, #E75B12) ist ein gängiger Orangeton. Mittlerweile noch im Katastrophenschutz im Einsatz wartet er auf seine modische Wiedergeburt. In den 70er Jahren erlebte er seine wilde Jugend, kam überall zum Einsatz, wo man Modernität, Aufbruch und Frische brauchte. Weg mit der Kernseife! Her mit der Orangeparfümierten! Warum noch das langweilige Kieselgrau (RAL 7032, #B9B9A8) der bundespostlichen Telefone FeTAp 611 der 60er. Alles neu, alles auf Orange. Von Agathes Tapete bis zu Zierblumen, beim Kaffeekranz gab es nur dieses Thema. Mensch, bombe dieses Orange! Leider war es aber nicht nur orange, sondern auch Plastik, das sich allgemeiner Beliebtheit erfreute. Plastik landete irgendwann auf dem Müll und die ehemaligen Orangefanatiker der 70er warfen ihre Heilsfarbe gleich mit. Heute verlagern wir unsere Orangebewunderung gerne einfach in die Ferne. Mensch, bombe diese buddhistischen Mönche!

Karminrot

Rot ist eine martialische Farbe. Eine teuflische Mischung aus Gewalt und Leidenschaft, an der wir uns nur allzu sehr ergötzen. Wie nah beide zusammenliegen zeigt die Angst vieler Mädchen, ihr Lippenstift könnte tatsächlich „Läuseblut“ enthalten. Tatsächlich ist das Karminrot (#960018) noch heute einige der wenigen Farben, die tierischen Urprung hat. Man gewinnt es aus Cochenille- oder Kermesschildläusen, die getrocknet und dann mit Schwefelsäure ausgekocht werden. Für ein Kilogramm Farbe sterben 100 000 Läuse. Schon lange ist diese Farbe und ihre Herstellung bekannt, doch nach der Entdeckung Amerikas erlebt sie einen regelrechten Boom. Die Azteken wurden gewaltsam unterworfen, die amerikanische Cochenillelaus wurde herrenlos und nach Europa gebracht, wo sie in riesigen Farmen zum Beispiel auf den Kanaren angebaut wurde. Neben Gold und Silber entwickelten sich diese Läuse zu einem der wichtigsten Exportprodukte Spaniens. Ein Land erobert die Welt und macht sie bunter (und monochromer in einem anderen Sinn). So erzählt das Karminrot nicht nur von blutigem Lippenstift, sondern auch von einer neuen Zeit, in der das Purpur abgelöst wird durch das Karmin. Und es erzählt von einer alten Kultur und ihrer blutigen Zerschlagung.

Leithners Blau

Im Jahr 1795 glühte es im Labor der Wiener Staatlichen Porzellanmanufaktur Augarten: Der Malereivorstand Josef Leithner (nachweisbar 1770-1829) experimentierte mit Aluminiumsulfat und Cobalt(II)-nitrat und entdeckte das Kobaltblau (#0047AB). Warm und ein bisschen himmlisch, königlich, aber nicht zu verwechseln mit dem dunkleren und viel härterem Preußischblau. Zwar wurde Kobaltblau schon in Ägypten (um 1500 v.Chr.), in China (ab 600 n.Chr.) und wahrscheinlich auch in Persien verwendet, doch Europa kannte diesen Farbton noch nicht. Das blau-weiße Chinaporzellan europäischer Fertigung konnte seinen Siegeszug durch die bürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts antreten.

Trendtürkis

Türkis (Pantone 15-5519; #399A97), die Pantone Color of the Year 2010. Eine Farbe, die durchschnittlich schöner nicht sein könnte. Ein bisschen Grün verspricht uns Nachhaltigkeit und Neuanfang und wir fragen uns warum. Irgendwie denkt man dann an Arztkittel und Linoleumboden, zuversichtlich sehen wir einer Heilung entgegen. Zwar ohne Diagnose, dafür aber mit der Aussicht auf eine kleine Kur. Ein bisschen Karibik steckt ja schließlich auch noch drin. Ob man nun an das türkise Wasser über einem Riff oder an Palmenwälder denkt, auf unserer Hotelinsel kommt sofort ein adretter Angestellter und reicht uns einen Drink. Doch stop: bevor wir zu dekadent werden, wenden wir uns doch einem Anderen Aspekt der Farbe zu: Ein bisschen matt und vintage ist es zusätzlich, das Pantone-Türkis. Ausgewaschen und wiederbenutzt. Wir erinnern uns an Zeiten als man noch türkise Autos fuhr. Auf dem Weg nach Rimini…

Für Türkis in einem anderen Licht siehe auch: Horrortürkis

Tageslichtweiß

Weiß gehört zu den unbunten Farben. Es ist sozusagen das Wasser unter den Farben. Ohne Sprudel. Weiß ist der Hintergrund, aus dem alle anderen Farben hervortreten. Am Anfang ist alles weiß. Möchte man meinen. Weiß, das sind alle Wellenlängen des Lichts zusammen, sagt man und übersieht leicht, was uns alles zum absoluten Weiß fehlt, Wellenlänge 587,562 nm zum Beispiel, absorbiert vom Helium der Sonnen-Athmosphäre, bleibt verborgen. Noch viele weitere Farbnuancen vermissen wir im Sonnenlicht. Und so wirft ein weißes Blatt Papier bei Tageslicht betrachtet so viel mehr Fragen auf, als der Text, der es füllen könnte. Es fragt nach seinen verlorenen Farben.